Kurze Chronik einer Bruchlandung.
Gedichte. Bern: Verlag X-Time 2011.


[Textbeispiele]


Die Rettung als Streifschuss

Meine Lebensjahre die irr im Winde klirren
von Januar bis Januar da die rationalen Stunden
von allen Seiten an mir reissen und ich
einem schlaftrunkenen Jäger gleich
durch die Wälder ziehe mit geschulterter Flinte
und einer Hand voll Schrot im besten Fall
ein Flattersatz durchs Augenlicht
als sei ich immerfort zur Flucht bereit
gebündelt oder streuend die Reichweite
meiner zehn Finger deren Kuppen sich senken
auf den eigens dafür angelegten Aussichtsturm
aus leeren Patronenhülsen

 

Dialog in Dickinson County

Die allzu verlässliche Geometrie
der Mais- und Sojabohnenfelder
darüber der unerschütterliche Himmel

Verloren folge ich der Landstrasse nach Norden
dann nach Osten dann nach Süden dann nach Westen
im Kern aufgedröselt und entlang abgeernteter Ränder

Von mir ist nicht viel übrig
von mir noch viel weniger

 


Epilog

Mein Lieblingstier, die Milbe,

studiert ein schräg hängendes Tafelbild

auf unverputzter Wand. Gezeigt wird

das Wachstum eines Vulkankegels

zwischen Juli und Oktober 1767.

Wie kaum ein anderes Tier erforscht sie

die Übergänge vom Liegen zum Sitzen

und vom Sitzen zum Liegen.

Ich stehe demütig am Herd,

giesse Wasser in die Pfanne, streue Salz.

Beim Erreichen des Siedepunkts

lege ich ein Stück Bindfaden hinein.

Unser Entschluss steht fest.

Dieses Buch wollen wir im Wachszustand schreiben.

Wir zählen auf zehn.

Bei vier fallen uns die Augen zu.