Talwind.
Oberwalliser Gegenwartsanthologie. Hg. v. Charles Stünzi.
Dozwil: Edition SignaThur 2006.

[Rezensionen]


Oberwalliser Anthologie

Die Postmoderne lehrt, dass die Literatur stets ein Spiel mit den traditionellen wie modernen Formen ist. Ein solches bietet uns die kürzlich vom Briger Germanisten und Autor Charles Stünzi in Zusammenarbeit mit der Stiftung Schloss Leuk herausgegebene Anthologie zur Oberwalliser Gegenwartsliteratur, in der 25 Autorinnen und Autoren vertreten sind. Da finden sich Gedichte neben Prosatexten, findet sich die Hochsprache neben dem Oberwalliser Dialekt, stehen bekannte neben weniger bekannten Namen, Ältere, Arrivierte neben ganz Jungen und schliesslich moderne, ja sogar experimentelle Texte aus der konkreten Poesie neben Texten, die mehr der literarischen Tradition verpflichtet sind. Eine richtige Anthologie, eine Blütenlese eben, die ein eindrucksvolles Zeugnis für jene lebendige Oberwalliser Literaturlandschaft darstellt, die es von uns erst noch zu entdecken gilt. (M.A.)

Erschienen auf www.tagblatt.ch


Das Oberwallis lebt, das Oberwallis schreibt. Davon zeugt das am 5. Dezember aus der Taufe gehobene Sammelwerk zeitgenössischer Literatur, deren Autoren ihre Wurzeln allesamt im Oberwallis haben.

Darin versammelt sind lyrische Werke wie zum Beispiel diejenigen des -noch- Geheimtipps Rolf Hermann, dem bereits eine grosse Zukunft vorausgeflüstert wird, und auch zahlreicher anderer Jungtalente, von denen viele den Hannes-Taugwalder-Preis erhalten haben – Hannes Taugwalder ist zugleich der älteste im Band vertretene Lyriker.
Von visuellen Gedichten übers traditionelle und banale zum experimentellen Gedicht- man staunt, was das Oberwallis nur schon in diesem einen, zuweilen und zu Unrecht etwas verrufenen Genre zu bieten hat.

Auch in der Prosa wagen die Walliser Autoren einiges, in vielen Erzählungen tritt die Verbundenheit zum Tal, zum ruralen Leben zum Vorschein. Genau so schön und doch unbekannt wie der Walliser Dialekt sind auch diese Geschichten, man glaubt zuweilen, in eine ganz andere Welt eingetaucht zu sein, die weiter weg liegt als nur zwei Zugstunden. Und dann gibt es auch Texte, die als Schüleraufsatz verkleidet sind, aber auch beim genauen Hinschauen nicht mehr dahinter steckt als eben ein aufmüpfiger Schüler, der im richtigen Leben gerne Politiker und Schriftsteller wäre.

Wirklich schwierig wird es erst bei den Mundarttexten. Schon die Kapitelüberschrift macht Ausserschweizern Kopfzerbrechen: Wallisertitsch. Man muss die Texte, insbesondere die lyrischen, einige Male lesen, und zwar laut, damit man sie versteht, das erste mal betont man alles so falsch, dass man unmöglich hinter den Wortsinn kommen kann.

Die Kostprobe von Bernadette Lerjen-Sarbach:

Immer nu

tanz i vor dier

mit zerzüüstum Haar

und laamu Fiess

Herrlich. Genauso herrlich wie das kleine Universum der Walliser Literaturszene; kaum einer, der nicht einen Preis des WSV, Walliser Schriftsteller Verband, erhalten hat, Mitglied ist oder eben sogar Preisstifter ist.


von Tabea Steiner
erschienen auf www.literaare.ch