«Am Tag vor meiner Abreise»: Zum Leben und Werk von Hannes Taugwalder.
Doppel-CD. Visp: romm 2008.

[Auszug]

Aus dem Hörspiel von Rolf Hermann und Michael Stauffer:

«Porträt mit Heuschrecken: Eine Hommage an Hannes Taugwalder»



REGIE  Musik, Grillengezirpe

Taug1
(Telefonbeantworter)

Ja. Hier ist der Hannes Taugwalder. Könntest du mich bitte anrufen. Ich weiss nicht mehr genau, wann du kommst. Ich werde dann versuchen, deine Wünsche möglichst zu erfüllen. Und das Zeug ein wenig bereit zu machen. Schön. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. Könntest Du mich bitte anrufen. Danke.

Komm1
Im letzten Lebensjahr von Hannes Taugwalder kam es zu vier Begegnungen mit ihm. Die erste Begegnung fand im Januar statt, die letzte im Juni. Der Ort war immer derselbe: Das Wohnzimmer in Taugwalders Haus in Aarau, mit Sicht auf Garten und Rasen. Auf dem dunklen Holztisch lagen ein Aufnahmegerät, ein Stapel Blätter, ein Notizblock und zahlreiche Bücher. Die Gespräche dauerten jeweils vier Stunden. Zwei am Vormittag von zehn bis zwölf. Zwei am Nachmittag von 14 bis 16 Uhr. Die Gespräche boten Hannes Taugwalder die Möglichkeit, auf sein Leben zurück zu blicken und sich zu seinem Schreiben zu äussern. Auch sprach er über seinen bevorstehenden Abschied. Denn er wusste, dass er, wie er selber sagte, „vor der letzten Türe stand“.

REGIE  Musik, Grillengezirpe

Komm2
1. TEIL: DER LAUF DES LEBENS


Stimm1
Meine Vorfahren waren Bergbauern. Sie trugen die fröhlichen Herzen der Hirten. Ihre Heimat war nicht die Talsohle, sondern die Halden und Hänge, die dem Matterhorn vorgelagert waren. Dort fanden ihre Haustiere Weideplätze und sie ein karges Auskommen. Aber Alleinsein war nicht Einsamkeit. Und Armut nicht Unglück, sondern Ungebundenheit und das kurze Leben ein Durchgang zu den ewigen Weideplätzen. (Aus: Das verlorene Tal, S. 7)

Komm3
So beschreibt Hannes Taugwalder in seinem bekanntesten Buch: „Das verlorene Tal“, einer autobiographischen Erzählung aus dem Jahr 1979, seine Herkunft. Taugwalder wurde am 21. Dezember 1910 als drittes von insgesamt fünf Kindern in Zermatt geboren. Gut 20 Jahre vor seiner Geburt, im Sommer von 1891, wurde die Zugstrecke von Visp nach Zermatt eröffnet. Und nochmals ca. 25 Jahre früher, am 14. Juli 1865, war dem Engländer Edward Whymper die Erstbesteigung des Matterhorns gelungen. Hier in diesem zwischen Bergmassiven eingekesselten Dorf, in dem der Tourismus eine zunehmend tragende Rolle spielte, verbrachte Hannes Taugwalder seine Kindheit und frühe Jugend.

Taug2
Ich bin eigentlich ein gespaltener Mensch. Auf der einen Seite konnte ich viel von der Liebe und der Güte meiner Mutter erben, also durch die Gene, die eigentlich unsterblich sind. Und der Vater war ein unglaublich mutiger Bergsteiger. Er hat schon um 1890 … war er im Kaukasus … auf dem Grossen Ararat… Und später ging er mit Engländern in den Himalaja. Noch später ging er mit einer Frau aus New York, die für das Harper Magazine schrieb, in die Anden und dort bestieg er mit einem Freund den Huascaran. Natürlich als Erstbesteigung. Dort hatte er Erfrierungen...

Stimm2
Vater hatte hellblaue, schelmische Augen. In ihnen spiegelten sich seine neckischen Gedanken, lange bevor sie ihm über die Lippen kamen. Die seitlichen Augenfalten fächerten dann wie ein Spinnengewebe gegen die Ohren hin. … Man konnte förmlich seine Gedanken lesen. Der hellblonde Schurrbart war gegen die Mitte hin kupferbraun… Beim Erzählen behielt er die Pfeife im Mund. Die Rauchfragmente ringelten in einer Vielfalt von Formen aus dem Tabakofen. … Er hatte ein bewegtes Leben. (Aus: Das verlorene Tal, S. 19-20)

Taug3
…Und er hatte dann den Fuss, die linke Hand… einen Finger mussten sie amputieren. Ohne Narkose. Man gab ihm einfach so viel Cognac, bis er nicht mehr spürte, was mit ihm geschah. Dort im Yungay, in einer einfachen Hütte, auf einem Erdboden haben sie ihn dann, man kann sagen, quasi operiert. Und eine Frau hat dann, weil sie sehr fromm war, das, was man abschnitt, also die abgeschnittenen Körperteile, vergraben, damit diese Teile am Jüngsten Tag mit ihm auferstehen und er als vollständiger Mensch die Ewigkeit geniessen konnte.

Komm4
Nach seiner Rückkehr aus den Anden betreute Taugwalders Vater das Alpine Museum in Zermatt. Dort zeigte er den interessierten Gästen die Wertsachen jener Bergsteiger, die abgestürzt und nicht mehr zurückgekehrt waren. Ein Stück Seil, einen Hut, ein Gebetbuch, einen Rosenkranz.

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