Hommage
an das Rückenschwimmen in
der Nähe von Chicago und anderswo.
Gedichte. Bern: Verlag X-Time 2007.
[Textbeispiele]
Prolog
Ich mache ein paar unförmige Kreise
mit einem Kohlestift in mein Tagebuch
und schreibe darunter «Vorwort zu einem Gedichtband».
Ich summe ein Lied und nenne es «Gedicht Nr.143»
und in einer halbierten Austernmuschel
verdünne ich etwas blaue Farbe mit Wasser
und sage dreimal laut das Wort
«Adria» vor mich her und siehe da:
Es entsteht ein Meer.
Billige Improvisation Nr. 1
Die Nacht war kalt und wolkenlos.
Während dem Zähneputzen betrachte ich mich
im Spiegel.
Meine Ohren gleichen Muscheln,
die viel zu gross sind für meinen Kopf.
Bei Tagesanbruch sind die Busse weiss und ohne Anschrift.
Ich sollte eine Wollmütze kaufen gehen,
der Winter steht vor der Tür.
Täglich reisse ich ein Bild aus dem Kalender
und klebe es auf eine vergilbte Tapete.
So verwandelt sich mein Zimmer in ein Museum.
Unbekümmert fange ich ein Gespräch
mit der Venus an. Auch sie ist leicht verschnupft
und beklagt sich über den Durchzug
in diesen hohen, türlosen Sälen.
Billige Improvisation Nr. 12
Die Tasse ist leer, das Akkordeon verstummt.
So beginnt eine Reiseskizze von berückender Anmut.
Wohin geht’s? frage ich,
an einer dünnen Schnur eine Elster haltend,
die in meiner Lunge einen glänzenden Stein entdeckt
hat.
Unsere kleinen Katzen z. B. lieben es,
auf alten Zeitungen einzuschlafen.
Die besten Gedichte entstehen immer,
wenn sie im Halbschlaf über die Tastatur wandern.
Dann sind sie hungrig und haben die Abfahrtszeiten
längstens vergessen.
Just in case oder Ce qui manque à nous
tous
Als wäre es zum Verzweifeln dieser Duft mit dem
Schamhaararoma meiner Allerliebsten zu Mittag
die Postmoderne in einem Fladenbrot für 3.95
die Cola gratis dazu was soll aus mir werden
wenn dieser Computer abstürzt und ich mich
hundertmal überschlage hinaus und ungesichert
in den kühlen Abendhimmel ohne Andeutungen
einer sich drehenden Kugel das Leben und
der Tod so wunderbar ungeordnet gewiss
ich nehme alles ernster und eine Pfeife
in den Mund aus der Seifenblasen kommen
denn ein Einwand ist ein Einwand ist ein
Wanderzirkus zu dessen Manege keine Verse
zugelassen werden die einfach so sagen
auch der Daktylus ist ein türkisches Gericht
von Ali mit dem schweren Schnauz
Sprungbrett mit Moby Dick
Kein Eis mehr vorm Schlafengehen kein
Tiramisu oder Amarettolikör vom Italiener
mit glitzerndem Haar wenn der Frühling
kommt ich auf dem Dachboden nach
Schwimmhosen suche um sie zu finden
zwischen Gedichtanthologien vollen
Koffern aus Übersee keine Frage meine
Zeilen müssen abspecken müssen schnell
schneller am schnellsten das Gersten oder
Malzbier die Kehle runterspülen dann
wieder hoch auf der anderen Talseite die
atemberaubende Fernsicht zu geniessen von
Hamburg nach Nantucket und in die Südsee eine
Art Wasserfall zu meinen Füssen mein Freund
Ja lass uns Purzelbäume schlagen am leeren
Strand als fehlte unserem Tun eine tiefere
Bedeutung wie das Öffnen einer Dose oder
Knospe oder so ähnlich wenn alles zu kurz
greift unsere Bäuche bedeckt sind von
einer kälteren Jahreszeit dabei nicht
aufgeben nicht weggehen nicht zurückkehren
mit dem letzten Elferbus aus dem Mastkorb
fast so als gäbe es ein regelmässiges kein
überstürztes Vordringen das alles über
Bord wirft sich plötzlich aufrichtet mit dem
Rücken zum Wasser steht und beim Wippen
das Gleiten unter der Oberfläche vernimmt
bis am Schienbein die Wellen brechen
Feierabendverkehr
Schräg von unten betrachtet
spiegelt sich im Glaskasten
unmittelbar unter dem Flachdach
dort oben rechts (meine Hand weist
hinauf, als sässe jemand neben
mir) ein sich auflösender Kon-
densstreifen, braunrot gefärbt
wie hinter getöntem Glas, als die
Kolonne ins Stocken kommt und
eine Sirene plötzlich heulend
vorüberschiesst.
Irgendwas / Gedichtband
Ich öffne den Briefkasten
und überquere eine Strasse.
Irgendwas muss man sagen:
Der hart betonierte Gehweg.
Es ist ca.18 Uhr. Die welken
Blätter der Birke im Vorgarten,
wie sanftes Sonnenlicht,
zum Glück, keine Rechnungen,
Papierfetzen auf dem Asphalt
und Gedanken an eine Frau
mit langem weissen Haar,
die an einem Stock geht
(heute heisst sie Friederike),
oder für eine Weile
in einem Gedichtband blättern
und von Arezzo träumen,
auf der fleckigen Panoramakarte
die vorläufigen Namen der Gipfel,
ein In-sich-hinein-Sprechen,
ringsherum, die welken Blätter,
im Vorgarten. Es heisst: war hier
und verschob eine Schneegrenze,
dass die Augen schmerzten,
unweit des Aussichtspunktes.