«Kein
Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter.
Zusammen mit Michael Stauffer.
Schweizer Radio DRS 2, 2007.
[Info]
Von Lothar Berchtold | Erschienen im Walliser Bote vom 28.12.06
«Kein Zucker im Kaffee»: Hommage
an Grossmutter
Sie ist 91, und sie kam nicht mit dem Silberlöffel
im Mund zur Welt. Trotzdem hatte sie ein gutes Leben
– auch deshalb, weil sie seit fast 50 Jahren Gedichte
schreibt. Lange Zeit tat sie es heimlich, heute veröffentlicht
Ida Mathieu-Gottet ihre Werke.
Gemeinsam mit Michael Stauffer hat Rolf Hermann seine
Grossmutter in Albinen besucht und sich von ihr aus
ihrem Leben erzählen lassen. Etwa davon, wie das
kleine Walliser Dorf in der Mitte des letzten Jahrhunderts
durch den Einbruch der Moderne eine für die gesamte
Bergregion exemplarische Entwicklung durchmachte. Oder
davon, dass sich die alte Dame manchmal wünscht,
etwas später geboren worden zu sein.
«Wenn
der Geist so wach ist...»
Ein Radio-Feature blickt ins Leben der 91-jährigen
Albinerin Ida Mathieu-Gottet
«Offen, aufrichtig und kritisch, bescheiden,
neugierig und herzlich» – mit diesen Worten
charakterisiert Rolf Hermann seine Grossmutter Ida Mathieu-Gottet.
91 Jahre alt ist diese Albinerin, wachen Geistes ist
sie selbst im hohen Alter. «So alt zu werden wie
meine Grossmutter – schön ist dies, wenn
der Geist so wach ist», meint Rolf Hermann.
Bekanntschaft mit dieser lebhaften Frau aus Albinen
kann schliessen, wer am 5. und 7. Januar bei Radio DRS
2 reinhört. Hier steht an diesen Tagen ein Feature
im Programm, das Rolf Hermann gemeinsam mit dem Hörspielautor
und Schriftsteller Michael Stauffer schuf. Grossmutter
Ida erzählt dabei aus jenen Zeiten, in denen der
elektrische Strom den Weg in die Häuser noch nicht
gefunden hatte. Sie berichtet über jene Entwicklung,
welche ihr Heimatdorf mit dem Einbruch der Moderne durchmachte.
Und legt auch offen, warum sie so gerne Gedichte verfasst.
Sechs Stunden Tonaufnahmen
Sich mit seiner Grossmutter intensiv mit dem Damals
zu beschäftigen, sie zu befragen und ihre Lebenserinnerungen
zu verewigen – ein Ansinnen, das lange Zeit im
Kopf von Rolf Hermann herumgeisterte. Also machte er
sich eines Tages an die Arbeit. Vorerst dachte er dabei
«vor allem an die Verwandten und an mich».
Doch irgendwann erhielt das Projekt eine Eigendynamik.
«Insgesamt sechs Stunden Aufnahmen kamen zustande»,
blickt Rolf Hermann zurück. Als der Albiner mit
Arbeitsort Biel dieses Material dem Schriftsteller und
Hörspielautor Michael Stauffer vorlegte, zeigte
sich dieser begeistert. Und für die beiden war
klar: So was müsste man im Radio bringen.
Hier Erinnerungen, dort Geschichte
So verfassten die beiden das Manuskript für ein
Radio-Feature. Dabei fallen drei Figuren die Hauptrollen
zu: Zum einen der Grossmutter, die über das Leben
berichtet; zum andern dem Enkel, der durch das Gespräch
führt und erzählt, wie das Ganze zustande
kam. Und zum Dritten dem Albiner Dorfhistoriker Erwin
Niklaus Mathieu, dem Verfasser des Buchs «Albinen,
ein Walliser Bergdorf». Die Biografie seiner Grossmutter
werde sozusagen zur «Kollektiv- Biografie»,
komme daher als Beispiel für ein Bergdorf, das
den Sprung in die Moderne tat, erläutert Rolf Hermann.
Hier die persönliche Erinnerung, dort das Historische
eines Bergdorfs – dies auf einen kleinen Nenner
gebracht, was da entstand.
«Du hängst an jeder Aussage»
Die sechsstündigen Aufnahmen für eine einstündige
Radiosendung auf rund 40 Minuten zusammen zu schneiden
– kein einfach Ding, oder? «Nein, sehr schwer
war es, hier eine Auswahl treffen zu müssen »,
antwortet Rolf Hermann. «Denn du hängst an
jeder Aussage », fügt er hinzu. Hinzu sei
die emotionale Seite gekommen. «Mich verbindet
sehr viel mit meiner Grossmutter. Und die Gespräche
mit ihr bedeuteten für mich immer auch ein Eintauchen
in meine eigene Geschichte», sagt er.
«Sie hatte schon grosse Freude...»
Dieser Tage spielte Rolf Hermann seiner Grossmutter
eine erste Version der Radioaufnahmen vor. Wie sie reagierte?
«Sie hatte schon grosse Freude. Und sie bedankte
sich bei mir für mein Engagement», antwortet
unser Gesprächspartner. «Komisch, sich selbst
zu hören», lautete eine Bemerkung von Ida
Mathieu-Gottet. Was diese Reaktion für ihn bedeutete?
«Also ich war schon erleichtert darüber,
dass ihr dies gefiel. Schliesslich ist meine Grossmutter
eine ganz wichtige Person für mich.»
Wenn die Schauspielerin Gedichte liest...
Dass sich all die Aufnahmen für eine Radiosendung
eignen würden, daran habe seine Grossmutter nicht
so richtig geglaubt. Was für sie dann besonders
spannend gewesen sei: Die eigenen Gedichte von einer
Schauspielerin gelesen zu hören. «All die
Eigenschaften, die meine Grossmutter besitzt, trugen
dazu bei, dass das Feature nicht zu Heimatkitsch verkam»,
findet Rolf Hermann.
«Bleibe wohl hier»
Was sich aus den Erzählungen von Ida Mathieu-Gottet
heraushören lässt? «Meine Grossmutter
wollte immer irgendwie weg von Albinen. Sie blieb jedoch
dort. Doch sie zeigt sich versöhnt mit ihrem Leben»,
findet Rolf Hermann. «Ich bin immer noch in Albinen,
ich bleibe wohl hier», habe ihm seine 91 Jahre
alte Grossmutter gesagt. «Doch als 90-Jährige
bestieg sie erstmals ein Flugzeug und flog nach Mallorca»,
fügt Rolf Hermann hinzu.
Dass das Leben nicht mehr so hart...
Wer im Alter von 91 Jahren ohne Brille tagtäglich
Zeitung lesen kann, wer in diesem Alter mit der Tochter
gemeinsam in einem Haushalt leben darf und regelmässig
Ausflüge macht, wer über 90 und geistig immer
noch voll da ist – ja, solch ein Mensch muss geradezu
glücklich und zufrieden sein. Seine Grossmutter
zeige sich in der Radiosendung zum einen von der nostalgischen,
zum andern aber vor allem von der «glücklichen
Seite», meint denn auch Enkel Rolf. «Glücklich
ist sie, dass das Leben nicht mehr dermassen hart ist
wie früher», betont er.
Leider die Biografie verbrannt...
Und hätte Enkel Rolf seiner Grossmutter Ida irgendwas
vorzuwerfen – es ginge dabei um deren Biografie.
«Meine Grossmutter hatte seinerzeit mit dem Niederschreiben
ihrer Lebensgeschichte begonnen. Doch eines Tages steckte
sie diese Biografie in den Ofen, verbrannte sie»,
erzählt Rolf Hermann. «Wirklich schade»,
fügt er hinzu – und weiss auch den Grund
für dieses Tun: «Sie dachte, sie trete damit
einigen Leuten auf die Füsse.»
«Mit allen Mitteln etwas lernen»
«Ich würde unbedingt, mit allen Mitteln etwas
lernen: Schriftstellerin», sagt Ida Mathieu-Gottet
in «Kein Zucker im Kaffee ». Dass sie dies
ja geworden sei – diesen Einwand will die Frau,
die seit fast 50 Jahren Gedichte schreibt, nicht so
richtig gelten lassen: «Ja, nein. Das ist nur
so ein Ersatz. Das ist nur so aus Langeweile und Einsamkeit
. . . Ich habe einfach so aus meinem Kopf genommen,
was mir der Kopf gegeben hat», gibt sie dort zur
Antwort und meint: «Mehr konnte ich ja nicht.»
Textprobe
Seit fast 50 Jahren schon verfasst Ida Mathieu-Gottet
Gedichte. Früher tat sie dies heimlich, heute nicht
mehr. Sie hat sogar schon im Eigenverlag einen Gedichtband
herausgegeben. «Man muss suchen, bis es einfach
passt. Dass der Inhalt passt und dass es sich reimt.
Das ist gar nicht so einfach», sagt die Albinerin
in der Radiosendung.
Hier das Gedicht «Abenddank»
Stund um Stunde reihet sich,
Füget sich zum Ganzen,
Doch bevor der Tag erlischt,
Wollen wir noch danken.
Für die frohen, hellen Stunden,
Und die trüben, dunkeln,
Alle sind sie nun entschwunden,
Gleich die Sterne funkeln.
Poesie von Ida Mathieu-Gottet
Hinweis: Am 5. und 7. Januar im Radio DRS 2
«Kein Zucker im Kaffee»,
die Hommage von Rolf Hermann an seine Grossmutter Ida
Mathieu-Gottet steht kommende Woche zwei Mal im Programm
bei Radio DRS 2: Die Sendung ist am Freitag, dem 5.
Januar, von 20.00 bis 21.00 Uhr sowie in der Wiederholung
am Sonntag, dem 7. Januar, von 15.00 bis 16.00 Uhr zu
hören. Gemeinsam mit Michael Stauffer besuchte
Rolf Hermann seine Grossmutter im Bergdorf Albinen.
Was die rüstige Frau erzählt, wird zum Gang
durch die Geschichte eines Walliser Bergdorfs –
und zur Begegnung mit «einer alten Dame, die sich
manchmal wünscht, etwas später geboren worden
zu sein.»